Schlagwort: Medizinische Universität Wien

  • #175 Impfstoff gegen Gräserallergie in Entwicklung

    400 Millionen Menschen jeden Alters sind auf der ganzen Welt von einer Allergie auf Gräserpollen betroffen. Die Symptome sind vielfältig: z:B. Schnupfen, tränende Augen oder Atemnot. An der Medizinuniversität Wien wird deshalb nun eine neue, allergenspezifische Immuntherapie entwickelt.

    Die Journalistin Karin Pollack hat auf derStandard.at recht verständlich beschrieben, warum der Körper auf Gräserpollen derart reagiert:

    Das menschliche Immunsystem ist ein ziemlich guter Wächter, wenn es um das Erkennen von fremden Eindringlingen geht. Das Problem: Das Immunsystem von Allergikern ist übereifrig, reagiert vollkommen unangemessen und identifiziert Gräserpollen als Feinde, obwohl sie an sich keine sind. (derStandard.at)

    Beim europäischen Allergologenkongress (EAACI) in Helsinki hat Chefallergologe Rudolf Valenta der MedUni Wien die aktuellen Studiendaten der Immuntherapie vorgestellt. Bei dieser Therapie handelt es sich um eine Impfung, die zusammen mit dem Biotechunternehmen Biomay entwickelt wurde. Bei der vorgestellten Studie wurde der Impfstoff BM32 an 300 ProbandInnen getestet. Nun bereitet man sich auf Phase III, den entscheidenden Abschnitt vor der Marktzulassung vor – diese Phase sollte innerhalb eines Jahres abgeschlossen sein. Nebenwirkungen oder Begleiterscheinungen wurden bisher keine entdeckt.

    Die Impfung soll in vier Teilen erfolgen und bräuchte einmal jährlich eine Auffrischung. Andere Allergiethearpien (wie z.B. die Sublinguale Immuntherapie (SLIT). Laut Valenta stehen auch bereits Baupläne für Impfstoffe gegen Hausstaub und Tierhaare bereit. Zwar seine die Allergene anders, das Wirkprinzip der Impfung jedoch gleich.

    Funktionsweise der Immuntherapie

    Wenn das Immunsystem eines Allergikers z.B. Gräserpollen erspürt, produziert es Immunglobuline Typ-E (IgE). Diese haften sich an die Mastzellen, den sogenannten „Wächterzellen“ an. Einmal sensibilisiert, registrieren und melden die Zellen die Ankunft neuer Pollen. Die ForscherInnen haben den Bauplan des allergieauslösenden Eiweises in Gräserpollen „entschlüsselt, gentechnisch verändert und damit entschärft“. Dadurch aktivieren B-Zellen (jene Zellen, die Antikörper bilden können) Immunglobuline vom Typ G (IgG). Diese bremsen dann die IgE aus – und damit die allergische Reaktion, die von den Mastzellen ausgeht.

    Wirkung auch gegen Hepatitis B?

    Im September 2016 hat die MedUni Wien darüber berichtet, dass laut einer Studie am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung erkannt wurde, dass der neuartige Impfstoff BM32 auch eine wirksame Behandlungsoption gegen die Infektion mit Hepatits B sein könnte. Rund 350 Millionen Menschen weltweit tragen diesen Virus im Blut. Carolin Cornelius hat in ihrer Dissertation am Institut folgendes herausgefunden:

    „Es konnte gezeigt werden, dass eine Impfung mit BM32 bei Personen, die sich vorab keiner Immunisierung mit einem konventionellen Hepatitis-B-Impfstoff unterzogen haben, im Durchschnitt eine 80-prozentige Hemmung der Hepatitis B-Virus-Infektion bewirkt hat.“ (Carolin Cornelius, meduniwien.ac.at)


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  • #119 „Zeckenzement“ als biologischer Klebstoff für menschliches Gewebe möglich

    Sie saugen Blut und übertragen Krankheiten: Zecken werden nur sehr ungern auf der menschlichen Haut gesehen. Denn haben sie sich erst einmal verbissen, kann man sie nur sehr schwer und mit viel Fingerspitzengefühl entfernen. Grund dafür ist ihre natürliche (zementartige) Klebesubstanz, welche deshalb auch als „Zeckenzement“ bezeichnet  wird.

    Sylvia Nürnberger von der Universitätsklinik für Unfallchirurgie auf der Medizinischen Universität Wien führt gemeinsam mit Martina Marchetti-Deschmann von der Technischen Universität Wien ein Forschungsprojekt durch, um herauszufinden, wie dieser Zecken-Zement als biologischer Klebestoff auch für menschliches Gewebe dienen kann.

    Aktuell in der Medizin eingesetzte Gewebekleber haben oftmals eine schädliche Wirkung, wie zum Beispiel Reaktionen oder Verhärtungen des Gewebes. Deshalb sucht man nach biologischen Alternativen, nur sind die bislang kaum vorhanden. Fibrin, die bekannteste Alternative, „ist zwar sehr biokompatibel, wirkt blutstillend und geweberegenerierend, klebt aber leider nicht sehr stark“, so die Projektleiterin. Und genau da soll der Zeckenzement behilflich sein.

    Wenn schließlich ein biologischer Kleber nach dem Vorbild Zeckenzement eingesetzt wird (es wird nicht der ganze Zement chemisch nachgebaut, sondern nur jene Substanz mit den Klebeeigenschaften), könnten damit nicht nur Hautverletzungen oder Knorpel geklebt werden. Auch nicht-belastete Knochenteile können bis zu einem gewissen Grad metallfrei verankert werden. Für die Forschungsarbeit werden 300 einheimische Zecken herangezogen. Zudem werden bei einem Forschungsaufenthalt in Südafrika dort ansässige Riesenzecken untersucht.


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  • #73 Sterblichkeit bei Brustkrebs in Österreich stark gesunken

    Im Vorfeld der 15th St. Gallen Breast Cancer Conference und des 3rd Vienna Breast Surgery Day, welche von 14. bis 18 März 2017 in Wien stattfinden, hat die Medizinische Universität Wien aktuellen Zahlen veröffentlicht: Diese Zahlen, beruhend auf Datenquellen der Statistik Austria, erklären, dass die Sterblichkeit in Folge einer Brustkrebserkrankung in den vergangenen 30 Jahren in Österreich um ein Drittel gesunken ist.

    Die Presseaussendung zum Thema befasste sich mit vielen verschiedenen Bereichen: Einerseits wird der Rückgang erwähnt, andererseits die Konferenz beschrieben. Diese findet zum fünfzehnten Mal statt – 5.000 Top-ExpertInnen für Brustkrebs kommen dabei zusammen und beschließen gemeinsam Therapieempfehlungen, die dann im klinschen Alltag als Leitlinien für die Brustkrebstherapie herangezogen werden. Später behandelt die Aussendung auch noch die größten Themen für die Konferenz: Die mögliche Übertherapie (eine Behandlung, von der eine PatientIn nicht profitiert, die aber wegen Nebenwirkungen ihre Lebensqualität beeinträchtigt) soll diesmal besonders hinterfragt werden.

    Leider ließ mich diese Presseaussendung etwas ratlos zurück. Deshalb freut es ganz besonders, dass sich Professor Dr. Michael Gnant, Leiter des Brustgesundheitszentrums Wien, Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie der Medizinischen Universität Wien und ein international führender Brustkrebsspezialist die Zeit genommen hat, ein paar offene Fragen zu dem Thema per Mail zu beantworten. Vielen Dank dafür!

    E-Mail-Interview mit Prof. Dr. Michael Gnant: „Grundsätzlich ist die Sterblichkeit in den meisten westlichen Industriestaaten etwa in dieser Größenordnung zurückgegangen.“

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    Entwicklung der Sterberate aufgrund von Brustkrebs in ausgewählten europäischen Ländern im Zeitraum von 1989 bis 2006 (Klicken zum Vergößern)

    365 gute Dinge: In der Presseaussendung steht, dass die Sterblichkeit in Folge einer Brustkrebserkrankung in den vergangenen 30 Jahren um ein Drittel zurückgegangen ist. Bezieht sich dieser Rückgang auf Österreich, Europa oder die ganze Welt?

    Prof. Dr. Michael Gnant: Dieser Rückgang bezieht sich primär auf Österreich. Grundsätzlich ist die Sterblichkeit in den meisten westlichen Industriestaaten etwa in dieser Größenordnung zurückgegangen, was einerseits auf verbesserte Früherkennung, andererseits (vor allem!) auf verbesserte Therapien zurückzuführen ist.

    Haben Sie Informationen hinsichtlich der Weiter- und Neuentwicklung von Therapiekonzepten? Wann tauchten diese Konzepte in den vergangenen 30 Jahren auf, welchen Einfluss haben sie auf die Abnahme der Sterblichkeit?

    In diesen drei Jahrzehnten wurden in allen Behandlungsmodalitäten wesentliche Fortschritte erzielt: In der Chirurgie die Weiterentwicklung operativer Verfahren, insbesondere die Definition der Brusterhaltung als chirurgischem Standard; in der medikamentösen Therapie die Subtyp-spezifische adjuvants (= Hormon-, Immun- und Chemotherapie. Vor allem auch Interdisziplinarität als Standard des ärztlichen Handelns, z.B. bei der Entwicklung und Standardisierung von neoadjuvanten Therapiekonzepten ist zu nennen, ebenso wie natürlich auch die erfolgreiche Entwicklung neuer Medikamente. Den Beitrag der einzelnen Fortschrittsbeiträge zur Senkung der Sterblichkeit auseinanderzudividieren, ist epidemiologisch-technisch kaum möglich, da viele dieser Entwicklungen parallel erfolgten.

    Begriffserklärung: adjuvant/neoadjuvant

    Eine adjuvante Therapie wird nach einem operativen Eingriff zur Entfernung des Tumors durchgeführt, um etwaige, bislang nicht sichtbare Tumorzellen abzutöten. (Wikipedia)

    Eine neoadjuvante Therapie wird bereits vor dem geplanten operativen Eingriff durchgeführt, um  eine Reduktion der Tumormasse herbeizuführen. (Wikipedia)

    In der Presseaussendung wird angekündigt, dass die Lebensqualität für die PatientInnen ein wesentliches Ziel sein müsse: Können Sie mir erklären, wie man die Lebensqualität der Betroffenen verbessern möchte? Oder hängen hier, wie es in einem späteren Absatz erklärt wird, Lebensqualität und Übertherapie zusammen?

    Bessere Erfolge der Therapie ergeben grundsätzlich auch bessere Lebensqualität, da naturgemäß der gesunde bzw. geheilte Mensch die beste Lebensqualität hat. Darüberhinaus gibt es zahlreiche Einzelentwicklungen, die gleiche oder bessere Therapieerfolge mit weniger Nebenwirkungen / ungünstigen Folgen für die Betroffenen ermöglichen. Z.B. die Vermeidung verstümmelnder Operationen, oder die Entwicklung von Begleittherapien, die die Nebenwirkungen von systematischen Behandlungen eliminieren oder lindern.

    Sie schreiben „Interdisziplinäre Therapiekonzepte und molekularbiologische Ansätze haben daran einen großen Anteil“ – können Sie das bitte für einen Laien erläutern: Was sind molekularbiologische Ansätze bei der Behandlung von Brustkrebs?

    Einer der wesentlichen Fortschritte im beschriebenen Zeitrahmen liegt in der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass es verschiedene Subtypen von Brustkrebs gibt, die jeweils eine spezifische Behandlung benötigen. Das führt im Sinne der „personalisierten“ Medizin dazu, dass wir immer genauer und zielgerichteter auf die individuelle Situation der Betroffenen eingehen können – durch solcherart „maßgeschneiderte“ Therapien reduziert sich die Therapie- (und Nebenwirkungs-!)last naturgemäß, da wir viel besser in der Lage sind, die/den einzelnen PatientIn nur mit jenen Therapie zu belasten, die für ihn/sie auch tatsächlich wirksam und geeignet sind.


    Weiterführende Links und Quellen:

    Bildquelle: CC0 Public Domain, waldryano, Pixabay