Schlagwort: Burnout

  • #229 Selfapy: Online-Selbsttherapie mit psychologischer Begleitung

    Wer in Deutschland professionelle Hilfe bei einer psychischen Erkrankung in Anspruch nehmen möchte, wartet meist monatelang, bis man einen Therapieplatz erhält. Damit Menschen diese Zeit sinnvoll überbrücken können, haben Katrin Bermbach, Nora Blum und Farina Schurzfeld im Jahr 2016 Selfapy gestartet.

    Selfapy bietet eine Onlinetherapie mit psychologischer Begleitung an. So stehen aktuell Therapiekurse für Depression, generalisierte Angststörung „Vom Stress zum Burnout“, Binge-Eating-Störung, Panik und Phobie, Anorexie, Angehörige von Essgestörten und Bulimie zur Auswahl. Diese Selbsthilfekurse sind in neun Wochenmodule gegliedert – 20 Minuten täglich muss man dabei für Übungen aufwenden. Einmal die Woche telefonieren die Kursteilnehmer außerdem mit ausgebildeten PsychologInnen.

    Die Kosten für den neunwöchigen Kurs belaufen sich auf 179 Euro. Seit April 2017 tragen die Kurse gegen Stress zudem das Prüfsiegel der Zentralen Prüfstelle Prävention – die meisten gesetzlichen deutschen Krankenkassen erstatten die Kosten zu 80-100 Prozent.

    Blum erklärt im Interview mit edition f, dass eine Studie aus dem vergangenen Jahr zum Depressionskurs sehr positiv war:

    „Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat 2016 unseren Depressionskurs evaluiert und gezeigt, dass die Symptome der Depression signifikant reduziert wurden. Psychologisch begleitete Selbsthilfe kann ebenso wirksam sein wie die Therapie ganz klassisch in der Praxis.“

    Das Startup bekam im August 2017 übrigens ein siebenstelliges Investment – das bedeutet, dass Selfapy weiter wachsen wird.


    Weiterführende Links und Quellen:

    Bildquelle: CC0 Public DomainEngin-AkyurtPixabay

  • #99 Frankreichs „Recht auf Abschalten“

    Mit 1. Jänner 2017 trat Frankreichs „loi n° 2016-1088 du 8 août 2016 relative au travail, à la modernisation du dialogue social et à la sécurisation des parcours professionnels in Kraft. Bekannt wurde das Gesetz verkürzt als das „Right to Disconnect“, also das „Recht auf Abschalten“.

    Dabei geht es darum, dass MitarbeiterInnen nicht mehr verpflichtet werden können (bzw. sich nicht mehr verpflichtet fühlen müssen), auch in ihrer Freizeit ständig und augenblicklich auf berufliche E-Mails oder Anrufe zu reagieren. Und das Wichtige dabei ist: MitarbeiterInnen dürfen nicht gekündigt werden, wenn sie außerhalb der Arbeitszeiten nicht erreichbar sind.

    Das Gesetz sieht vor, dass Unternehmen mit mehr als 50 MitarbeiterInnen müssen Management und Betriebsrat ausverhandeln, wie Angestellte vor der Gefahr der ständigen Erreichbarkeit geschützt werden können. Können sie sich mit dem Betriebsrat nicht einigen, sollen Unternehmen trotzdem selber entsprechende Verhaltensregeln aufstellen.

    Das Gesetz ist in dieser Form weltweit einzigartig. Initiiert wurde es im Übrigen nicht von der Gewerkschaft – sondern von der Industrie. Einerseits aufgrund ehrlicher Sorge vor dem Burn-out wichtiger MitarbeiterInnen, andererseits jedoch auch, um ArbeitnehmerInnen mehr Handhabe zu ermöglichen.

    Zahlreiche große Unternehmen versuchten bereits vorab, die Arbeit und Erreichbarkeit in der Freizeit herunterzufahren: So steht in der Betriebsvereinbarung der Versicherungsgesellschaft Axa, das E-Mails am Wochenende keine rasche Antwort erfordern. Reifenhersteller Michelin erfasst die Zugriffe der Angestellten auf den Mailserver außerhalb der Dienstzeiten – sind diese Zugriffe zu lange, wird es ein klärendes Gespräch mit dem/der Vorgesetzten geben. Das deutsche Unternehmen Volkswagen hat bereits Ende 2011 begonnen, 3.500 höheren Angestellten nach Feierabend die Verbindung zum Mailserver zu kappen.

    Gerade hinsichtlich der Verschlechterung der Work-Life-Balance in den vergangenen Jahren ist dieses Gesetz ein spannender Versuch, dem entgegenzusteuern. 2014 erklärte die „Initiative Gesundheit und Arbeit“ (iga) der Kranken- und Unfallversicherungen in Deutschland Folgendes:

    Zwei Drittel der Erwerbstätigen leisteten demnach regelmäßig Überstunden, jeder Fünfte fühlt sich von seinem Arbeitgeber unter Druck gesetzt, immer mehr leisten zu müssen. 22 Prozent gaben an, dass sie auch in ihrer Freizeit ständig für den Arbeitgeber ansprechbar sein müssten. Und rund jeder Vierte besagte, dass er häufig Aktivitäten mit Freunden und Familie in der Freizeit ausfallen ließe, weil er sonst keine andere Möglichkeit hätte sich auszuruhen. (zeit.de)


    Weiterführende Links und Quellen:

    Bildquelle: CC0 Public Domain, Pexels, Pixabay